Welche Ansätze aus dem Spitzensport können Unternehmen helfen, ihre Unternehmenskultur zu fördern und zu stärken?

Welche Ansätze aus dem Spitzensport können Unternehmen helfen, ihre Unternehmenskultur zu fördern und zu stärken?

Hochqualifizierte und gleichermassen motivierte Mitarbeiter sind ein massgeblicher Erfolgs- und Wettbewerbsfaktor und bestimmen den langfristigen Unternehmenserfolg entscheidend mit (Schönborn, 2014, S. 98–105). In der modernen Arbeitswelt, die von einem anhaltenden Fachkräftemangel, fortschreitenden demografischen Wandel und damit einhergehend auch von einem Wertewandel geprägt ist, wird ein fundiertes Arbeitgebermarketing zu einem immer wichtigeren Erfolgsfaktor für Organisationen, um die besten Talente an sich zu binden. Um das Arbeitgeberimage nach aussen und die Attraktivität gegenüber bestehenden Mitarbeitern zu steigern, müssen neben fairer Entlohnung u.a. auch durchdachte Ansätze, wie Bonifikationssysteme, entwickelt werden, die einen nachhaltigen Mehrwert für Mitarbeiter und Arbeitgeber generieren. Besonders für KMU gestalten sich hier eine Reihe von Chancen, denn häufig stehen diesen erheblich weniger finanzielle, personelle sowie zeitliche Mittel zur Verfügung im Vergleich zu Grosskonzernen. Der War for Talents wird daher für betroffene KMU besonders intensiv und bedarf zunehmend kreative Ansätze in Bezug auf mitarbeiterwerbende und -bindende Massnahmen. (Anrich & Kugler, 2020, S. 1–7; Fust et al., 2021, S. 3)
Autor:
Dennis-Takuya Strotbek
Auch das Phänomen Informationsüberflutung gewinnt im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung und der einhergehenden Veränderungen des Aufgaben- und Anforderungsprofils zunehmend an Bedeutung (Junghanns & Kersten, 2020, S. 8–10). Dabei stellen die resultierenden physischen und psychischen Belastungen eine steigende Gefahr für die Gesundheit der Mitarbeiter dar. Dies verdeutlicht die zentrale Rolle der Gesundheit und des Wohlergehens von Mitarbeitern und unterstreicht nochmals die zunehmenden Verantwortungen aber auch Chancen, die in diesem Zusammenhang künftig für Arbeitgeber entstehen.

In der heutigen Zeit nimmt daher die Bedeutung einer gesunden Kultur für Firmen und ihre Mitarbeiter stetig zu. In einer zunehmend an Komplexität gewinnenden (Arbeits-)Welt wird gesunde Kooperation entscheidenden Einfluss auf den Unternehmenserfolg haben. Aus dem Spitzensport ist bereits bekannt, dass gute und gesunde Kulturen über Erfolg oder Misserfolg entscheiden können. Was kann also aus dem Spitzensport für Unternehmen mitgenommen werden? (Adcroft & Teckman, 2009, S. 6–11; Burnes & O’Donnell, 2011, S. 12–17)

1) Erfolgsfaktoren aus dem Spitzensport und deren Bedeutung für KMU

Zur Untersuchung der Frage, welche Erfolgsfaktoren Spitzensportler zu aussergewöhnlichen Leistungen motivieren und inwiefern diese Faktoren für KMU – d.h. sowohl auf persönlicher Ebene für die Mitarbeiter als auch auf der teambasierten Ebene für die Organisations- und Teamkultur – von Interesse sein können, wurden Experteninterviews mit Spitzensportlern sowie externen Experten geführt.

Mithilfe der qualitativen Untersuchung wurde eine Reihe von Erfolgsfaktoren aus dem Spitzensport – sowohl auf individueller als auch auf der teambasierten Ebene – identifiziert, die in der kurzen Frist auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter, d.h. das Betriebsklima, einwirken und zudem mittel- bis langfristig auch die Unternehmenskultur beeinflussen können. Zu den Erfolgsfaktoren auf individueller Ebene gehören: Motivation, Disziplin, mentale Stärke, Zielstrebigkeit, langfristige Planung, Eigenverantwortung, Reflexionskompetenz, analytische und strategische Fähigkeiten sowie Risikomanagement. Die identifizierten teambasierten Faktoren orientieren sich vielmehr an zwischenmenschlichen Kompetenzen und kulturellen Werten: Kommunikationskompetenz, Teamfähigkeit und Kultur, kompetente Führung, gemeinsame Ziele und Vision sowie allgemeine Grundwerte. Allerdings konnten auch Grenzen der Übertragbarkeit identifiziert werden, wie z.B. die Austauschbarkeit einzelner Teammitglieder (vgl. Kapitel 3.2.1 Erfolgsfaktoren).

2) Formen der Sportler-Einbindung in KMU

Die Experteninterviews wurden darüber hinaus auch zur Beantwortung folgender Fragen einbezogen: «Welches sind die entscheidenden Gründe für die Einbindung von Spitzensportlern in KMU?» und «Welche Formen der Sportler-Einbindung in KMU werden bereits praktiziert und wie können diese weiterentwickelt werden?» (vgl. Kapitel 3.2.2 Sportler-Einbindung in KMU).

Zu den Hauptmotiven des Einsatzes von Spitzensportlern in KMU als Vortragsrednern gehören v.a. die breitere gesellschaftliche Ansprache von Sportlern, d.h. die höhere Attraktivität, im Vergleich zu Experten aus anderen Gebieten, wie die Teilnehmerzahlen bei männlichen Mitarbeitern aufzeigen. Durch die tiefe kulturelle und soziale Verankerung sowie die mediale Präsenz des Sports erlangen Sportler zudem Prominenz und Ruhm. Zuletzt schaffen es Sportler im Rahmen des Storytellings in ihren Vorträgen, verschiedene Analogien aus dem Sport zum Berufsleben herzustellen, die nicht selten praktische Tipps für Teilnehmer darstellen.

Zu den gängigsten physischen Formaten gehören Impulsvorträge, Live-Talks sowie Workshops und Seminare, wobei sich diese Formate in Bezug auf die zeitliche Dauer und den praktischen Bezug, also auch bezüglich des Interaktionsniveaus, unterscheiden. Zu den Vorteilen physischer Formate gehören zum einen die erhöhte Teilnahmewahrscheinlichkeit und zum anderen auch das erhöhte Aufmerksamkeits- und Interaktionsniveau. Die Nachteile umfassen neben den finanziellen, zeitlichen und organisatorischen Kosten der Organisation der Veranstaltung auch die entgangenen Vorteile aus digitalen Formaten.

Das zweite Veranstaltungsformat operiert hingegen mit digitalen Medien und umfasst derzeit virtuelle Calls und Vorträge. Die Vorteile digitaler Medien sind die erhöhte Flexibilität und ortsunabhängige Teilnahmemöglichkeiten sowie die relative Kosteneffizienz bei der Planung und Organisation des Events im Vergleich zu physischen Formaten. Die Nachteile virtueller Einbindungen von Sportlern ergeben sich im Grunde aus den beschränkten Interaktionsmöglichkeiten sowohl unter den Teilnehmern als auch zwischen dem Vortragenden und den Teilnehmern.

In Bezug auf mögliche Optimierungen hält das Forschungsprojekt eine Reihe von Ansätzen fest. Dazu gehört zunächst die Veranstaltungshäufigkeit, die sich am unternehmensspezifischen Motivationszyklus, d.h. der Entwicklungskurve des motivierenden Effekts des Vortrags auf Mitarbeiter, orientieren soll. Der zweite Hebel stellt die Themen- und Rednerwahl dar, die die Vortragsqualität und damit auch die Wirkung auf Teilnehmer massgeblich beeinflussen kann. Zuletzt hält das Forschungsprojekt fest, dass die Rahmenbedingungen der Veranstaltung bezüglich der Interaktionsmöglichkeiten kreativer gestaltet werden können, z.B. indem spielerische Elemente integriert werden.

3) Auswirkungen des Einsatzes von Spitzensportlern in KMU

Darüber hinaus wurden mittels Mitarbeiterbefragungen die Auswirkungen von Sportler-Einbindungen auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter ermittelt (vgl. Kapitel 4. Auswirkungen des Einsatzes von Spitzensportlern in KMU).

Mittels der quantitativen Untersuchung im Rahmen der Mitarbeiterbefragungen konnten Ergebnisse zu den Auswirkungen von Sportler-Vorträgen auf die Mitarbeitermotivation, Zufriedenheit und deren Gesundheitsverhalten gewonnen werden. Zunächst wurde die Attraktivität der Sportler-Einbindung als BGF-Massnahme in Form von Teilnehmerzahlen gemessen. Die Studie zeigte, dass der Vortrag des Spitzensportlers eine Verdreifachung der Teilnehmerquote im Vergleich zu Events ohne Sportler-Einbindungen erzeugte. Auch die Nutzungsquote der angebotenen Gesundheitsleistungen wie Präventionsmassnahmen stieg in der Studie von 10-15% auf über 60%. Bezüglich der Auswirkungen des Sportler-Vortrags auf das Gesundheitsverhalten der Teilnehmer wurde bei den nachfolgenden Schritt-Challenges eine Verdopplung der Teilnehmerquote verzeichnet.

Die Umfrageergebnisse zeigten zudem, dass das Gesundheitsbewusstsein durch den Sportler-Vortrag massgeblich beeinflusst werden konnte und den Teilnehmern praktische Tipps mitgegeben wurden. Die Kommunikationsbereitschaft der Veranstaltungsteilnehmer zeigte zudem, dass die Sportler-Einbindung auf die Attraktivität und das Image des teilnehmenden Arbeitgebers positiv wirken kann und somit als wettbewerbsförderlich für den Arbeitsmarkt zu betrachten ist. Die Mitarbeiterbefragungen zeigten auch, dass die Arbeitsmotivation und -zufriedenheit der Veranstaltungsteilnehmer durch den Vortrag des Spitzensportlers verbessert werden konnte. Ausserdem haben die Umfrageergebnisse der teilnehmenden Führungskräfte gezeigt, dass der Sportler-Vortrag geholfen hat, Führungskompetenzen zu reflektieren und zu stärken. Das Forschungsprojekt hält schliesslich fest, dass nicht nur vonseiten der Mitarbeiter das Bedürfnis nach regelmässigen Sportler-Einbindungen besteht, sondern zur nachhaltigen Verhaltens- und Einstellungsveränderung der Mitarbeiter Sportler-Einbindungen auf einem langfristig orientierten, integrierten BGM-Konzept basieren müssen.

4) Handlungsempfehlungen für die Praxis

Um einen zusätzlichen praktischen Mehrwert zu schaffen, entwickelte dieses Forschungsprojekt zudem ein innovatives Modell zur Einbindung von Spitzensportler in KMU. Dieses orientierte sich zunächst am Olympiasieger-Modell der Fairlohnung GmbH und umfasst in weiten Teilen die bereits diskutierten Optimierungspotenziale der Einbindungsformate. Die erarbeiteten Ansätze betreffen einerseits die Regelmässigkeit der Sportler-Einbindung und andererseits einzelne Elemente des Einbindungsformats. Das Forschungsprojekt präsentiert zunächst eine hybride Einbindung, die gemeinsam mit verschiedenen Unternehmen organisiert werden soll, um die Ressourcen für die Organisation aufzuteilen und die erhöhte Veranstaltungshäufigkeit zu finanzieren. Des Weiteren umfasst das erarbeitete Modell neue Ansätze zur Erhöhung des Interaktionsniveaus sowohl zu Beginn als auch zum Abschluss des Sportler-Vortrags. Dazu wurde eine Reihe von innovativen Ideen erarbeitet, wie z.B. offene Eingangsfragen, Abstimmungen und nicht zuletzt auch die offene Fishbowl-Methode, welche als Substitut zu klassischen Q&A-Sessions zu verstehen ist. Mit Blick auf die abfallende Motivationswirkung, schlägt das Projekt vor, zusätzlich zum wiederkehrenden Impulsvortrag laufend motivierende Erinnerungsbotschaften des Sportlers via digitale Medien ergänzend einzusetzen, um nachhaltig emotionale und inspirierende Impulse zu setzen.