Leihtransfers im Fussball – Fluch oder Segen

Kann ein Fussballverein seine sportliche und finanzielle Leistung durch strategisch getätigte Leihtransfers langfristig steigern und sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz verschaffen?

Autor:

Rafael Aschwanden

Das Verleihen von Spielern liegt im Fussball aktuell voll im Trend. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Durch Leihen können sich die Vereine beispielsweise die Gehälter teurer Spieler sparen, jungen Profis die nötige Spielpraxis verschaffen oder günstig die Qualität des eigenen Kaders steigern (Lobe, 2015). Können Leihspieler also nicht nur einzelne Spiele entscheiden, sondern die sportliche Entwicklung und die finanzielle Lage eines beliebigen Vereines langfristig positiv beeinflussen? Lohnt es sich eventuell sogar strategisch auf Leihspieler zu setzen?

Gemäss Raz (2017) profitieren bei solchen Leihgeschäften allerdings vornehmlich die grossen und finanzstarken Vereine. Denn die ausgeliehenen Talente kehren nach einer erfolgreichen Leihe schliesslich wieder zurück zum Ursprungsverein, wo sie entweder für viel Geld verkauft werden oder im eigenen Club zu Leistungsträgern avancieren. Der kleinere Verein, der die Leihspieler bei sich aufnimmt, kann dabei meist nur temporär von den Fähigkeiten dieser Spieler profitieren und muss nach einer Saison bereits wieder nach neuen Talenten Ausschau halten. Dennoch lässt sich in den europäischen Profiligen eine Zunahme in der absoluten Zahl getätigter Leihtransfers messen. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?

Einerseits hat die hohe Komplexität und das schnelle Wachstum der Fussballbranche viele Vereine in den letzten Jahren vor grössere Probleme gestellt. Dies hat unter anderem dazu geführt, dass die Clubs immer öfters beträchtliche finanzielle Verluste ausweisen mussten (Hamil & Chadwick, 2010). Andererseits nahm die Bedeutung des Transfergeschäfts als Einnahme- und Ausgabeinstrument rasant zu und forderte die Vereine zusätzlich heraus (Von Freyberg, 2005). Es ist mitunter also auf diese Entwicklungen zurückzuführen, dass Leihgeschäfte in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen haben. Aus diesem Grund hat es sich die Bachelorarbeit von Rafael Aschwandenzum Ziel gesetzt, herauszufinden, ob es sich für Fussballvereine als sportlich und finanziell lohnend erweisen kann, Leihtransfers zu tätigen. Zudem soll erforscht werden, ob eine sorgfältig geplante und ausgeführte Leihspielerstrategie einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der direkten Konkurrenz darstellen und für die Vereine eine Alternative in diesem überteuerten, «verrückten» (Osterhaus, 2017) Spielertransfermarkt bieten könnte.

Zur Beantwortung dieser Fragen wurde eine Analyse der sportlichen Leistungen und der Marktwertentwicklungen aller Leihspieler in der Saison 17/18 durchgeführt. Die Analyse beschränkte sich dabei auf sieben Ligen (Super League, Challenge League, 1. Bundesliga, Premier League, Primera Division, Serie A, Ligue 1).

1. Analyse-Ergebnisse: Verliehene Spieler (an andere Vereine)
Die Analyse hat letztlich ergeben, dass die verliehenen Spieler ihren Marktwert durchschnittlich um 22.8% steigern konnten. Dabei resultierten in sämtlich analysierten Ligen im Durchschnitt positive Marktwertsteigerungen. Zudem konnten die verliehenen Spieler bei ihrem Leihverein im Mittel 1’405 Minuten Spielpraxis sammeln. Es kann somit festgehalten werden, dass sich das Verleihen von Spielern für die Vereine sportlich und finanziell grundsätzlich gelohnt hat, konnten die Leihspieler doch von diversen Einsätzen profitieren und ihren Wert auf dem Fussballmarkt steigern. Primär wurden dabei junge Spieler verliehen.

2. Analyse-Ergebnisse: Verpflichtete Leihspieler (für das eigene Kader)
Bei der Untersuchung derjenigen Leihspieler, welche die Vereine zur Verstärkung ihres eigenen Kaders verpflichteten, konnte über alle Ligen hinweg eine positive durchschnittliche Marktwertsteigerung von 36 % festgestellt werden. Mit der La Liga befand sich bei den ausgeliehenen Spielern allerdings eine Liga mit einer negativen Marktwertentwicklung im Datensatz. Insgesamt wurden in den analysierten Ligen 9.5 % aller Spielminuten durch Leihspieler absolviert. Ob die Leihspieler einen Beitrag am sportlichen Erfolg eines Vereines haben können, kommt dabei auf die jeweilige Konstellation im Verein an. So erklärten die Experten, dass bei einem Club mit ruhigem Umfeld, und einem intakten Mannschaftsgefüge, Leihspieler definitiv eine gerngesehene qualitative Verstärkung des Kaders darstellen können. In einem weniger gut funktionierenden Team, dass durch unruhige Zeiten geht, können ausgeliehene Spieler im schlimmsten Fall auch einen negativen Einfluss auf den Teamspirit und folglich auf die gesamte Mannschaftsleistung haben.

Die Ergebnisse der Analyse haben zusammengefasst also aufgezeigt, dass sich das Aus- und Verleihen von Spielern für die Vereine sportlich und finanziell durchschnittlich bezahlt gemacht hat, da die Leihspieler genügend Spielpraxis sammeln, sich sportlich weiterentwickeln und dadurch letztlich auch ihre Marktwerte steigern konnten. Es wurden jedoch grössere Unterschiede zwischen den einzelnen Ligen festgestellt, die gemäss den interviewten Experten zu einem grossen Teil auf die unterschiedlichen finanziellen Voraussetzungen der Vereine zurückzuführen sind. Praxisbeispiele, wie jene vom FC Chelsea und Eintracht Frankfurt, konnten zudem aufzeigen, dass mit einer durchdachten, sorgfältig ausgeführten Leihspielerstrategie im heutigen Fussballmarkt durchaus ein Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz erzielt werden kann.

Es muss allerdings verdeutlicht werden, dass sich jeder Verein mit völlig unterschiedlichen finanziellen und sportlichen Voraussetzungen konfrontiert sieht. Jeder Club sollte also entsprechend seiner eigenen Vereinsphilosophie und seinem ganz spezifischen Umfeld, mit den vorhandenen Ressourcen, die bestmögliche Lösung finden, um mit Leihspieler Erfolg haben zu können.

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